„Das erfolgreiche Verhandlungsende über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich wird von der baden-württembergischen Wirtschaft mit großer Erleichterung vernommen. Ein Grund zum Jubeln besteht dennoch nicht wirklich, denn der Handel mit Gütern und Dienstleistungen über den Kanal wird im neuen Jahr für unsere Mitgliedsunternehmen um einiges schwieriger und teurer“, sagt Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, die federführend beim Thema Außenwirtschaft für die baden-württembergischen IHKs ist.

Das Handelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich verhindert, dass auf Waren aus der EU beziehungsweise dem Vereinigten Königreich Zölle erhoben werden. „Das ist eine sehr gute Nachricht für alle Importeure und Exporteure, hätten die Zölle doch bis zu 14 Prozent des Warenwertes betragen können“, so Schmalzl weiter. Trotzdem führe der Brexit zu einer neuen Grenze in Europa, die Notwendigkeit der Warenabfertigung bei der Ein- und Ausfuhr bliebe auch mit Abkommen unverändert bestehen.
 
„Verzögerungen im Warenfluss sind programmiert. Außerdem muss beachtet werden, dass die Zölle nur für Waren mit EU-Ursprung beziehungsweise für Ursprung im Vereinigten Königreich entfallen. Falls dieser Ursprung nicht nachgewiesen werden kann oder es sich um Ursprungswaren anderer Länder handelt, fällt trotz des Abkommens Zoll an“, erklärt Schmalzl. Auf die Unternehmen aus Baden-Württemberg kommen erhebliche administrative Belastungen zu, allein durch die erforderliche Zollbürokratie oder zukünftig vom EU-Binnenmarkt abweichende rechtliche Regeln. So werden einige Unternehmen prüfen, ob sie weiterhin Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich machen werden.

Von Januar bis September 2020 wurden Waren im Wert von 6,5 Milliarden Euro aus Baden-Württemberg in das Vereinigte Königreich exportiert. Im Vergleich zu demselben Zeitraum in 2019 sind das 20 Prozent weniger. Dennoch zählt das Vereinigte Königreich nach wie vor zu den wichtigsten Außenhandelspartnern und liegt im Ranking der wichtigsten Absatzregionen für Südwest-Exporte auf Platz sieben. Der Schwerpunkt der Exporte liegt auf den vier Bereichen Automobilbranche, Maschinenbau, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie Medizintechnik und Pharmazie. Abgesehen von der IKT sind es diese Branchen, in denen 2020 der größte Teil des Handels zwischen Baden-Württemberg und dem Vereinigten Königreich stattfand.

Seit dem Referendum 2016 ist die Wirtschaft jedoch verunsichert. Der Außenhandel zwischen Baden-Württemberg und dem Vereinigten Königreich ist ins Stottern geraten. Investitionsentscheidungen von Unternehmen sind entweder gar nicht oder nicht zum Vorteil von Standorten im Vereinigten Königreich vorgenommen worden.