„The EU prefers a deal, but not at any cost. Time for the UK to put its cards on the table“, tweetete der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, am 7. Oktober, nachdem er mit dem britischen Premierminister Boris Johnson telefoniert hatte. Ein Deal, ein umfassendes Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien, ist auch das, worauf die Unternehmen in Deutschland sowie im Rest der EU hoffen – und auch im Vereinigten Königreich, wie Sie einer in diesem Newsletter vorgestellten Umfrage entnehmen können. Die Folgen eines ungeregelten Ausscheidens Großbritanniens aus der Europäischen Union wären für die deutsche Wirtschaft kurz- und mittelfristig schwerwiegend.
 
Dazu nochmal die Fakten: Deutsche Unternehmen exportieren pro Jahr Waren im Wert von 79 Milliarden Euro nach Großbritannien und sichern dadurch etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Auch bei Investitionen gibt es enge Verbindungen: Britische Unternehmen haben in Deutschland rund 1.500 Niederlassungen und beschäftigen knapp 300.000 Mitarbeiter. Umgekehrt haben deutsche Unternehmen in Großbritannien etwa 2.500 Niederlassungen mit über 400.000 Beschäftigten. Sie alle stünden bei einem No-Deal-Szenario ab dem 1. Januar 2021 vor neuen, großen Herausforderungen – zusätzlich zu den schwerwiegenden Auswirkungen der Corona-Krise.
 
Die Zeit drängt – soll ein Abkommen noch bis zum 31. Dezember vom Europäischen und britischen Parlament ratifiziert werden, muss alsbald eine Einigung erfolgen. Die bislang gesetzte Deadline ist nächste Woche, damit die Staats- und Regierungschefs einen Deal während des EU-Gipfels am 15. und 16. Oktober besprechen und annehmen könnten. Eine Einigung ein bis zwei Wochen später wäre technisch nicht gänzlich unmöglich, aber kompliziert: Man bräuchte Extratreffen und beschleunigte Verfahren, um eine Ratifizierung und ein Inkrafttreten zum neuen Jahr zu ermöglichen.
 
Daher sind Fortschritte nun dringend notwendig. Der EU-Chefunterhändler Michel Barnier ist am heutigen Freitag in London, um mit seinem britischen Pendant David Frost die Endphase der Verhandlungen einzuläuten. Nach sehr begrenzten Fortschritten in den letzten Verhandlungsrunden konnte man in den vergangenen beiden Tagen leise Hoffnung vernehmen, dass sich eventuell Einigungen zum level playing field und zur Fischerei ankündigen könnten. Aber ob diese Andeutungen sich in konkrete Zusagen und Kompromisse entwickeln, ist noch ungewiss.
 
Die Position der EU-Kommission ist klar: Der Schutz des EU-Binnenmarktes ist wichtiger als eine Einigung mit Großbritannien um der Einigung Willen. Ein Rosinenpicken darf es nicht geben – der Zugang zum Binnenmarkt muss an das Einhalten der Standards geknüpft bleiben. Laut unseren Brexit-Umfragen sehen das auch fast 90 Prozent der deutschen Unternehmen so. Daher unterstützen wir nach wie vor die Position der EU. Unternehmen müssen sich derweil gut auf den Austritt Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion vorbereiten – ebenso wie auf einen ungeregelten Brexit, der zu diesem Zeitpunkt weiterhin im Raum steht.