Nachdem Premierministerin May ihren Rücktritt angekündigt hat, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen, wer die Nachfolge als Parteichef der Tories und als Premierminister antreten wird. Ungewiss bleibt, ob das mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen, welches bereits dreimal vom britischen Unterhaus abgelehnt wurde, doch noch eine Mehrheit erhalten kann. Die Gefahr eines ungeregelten Brexit am 1. November bleibt damit für die Unternehmen weiterhin bestehen.
 
Auch der Im- und Export von Chemikalien würde dann Handelsbeschränkungen in Form von Zöllen und Zollanmeldungen unterliegen, und es käme für die betroffenen Unternehmen erheblicher Aufwand im Bereich der (Neu-) Registrierung von Stoffen hinzu. Für die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie ist das UK der siebtwichtigste Handelspartner. 2018 exportierten deutsche Unternehmen Produkte im Wert von 10,2 Mrd. EURO auf die Insel und tätigten Direktinvestitionen in Höhe von 1,2 Mrd. EURO.
 
Derzeit gewährleistet die EU mit der Chemikalienverordnung REACH sowie der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) einen einheitlichen Rechts- und Praxisrahmen für die Verwendung chemischer Stoffe. Diese Stoffe müssen ab einer gewissen Menge bei der ECHA registriert, anhand EU-weit einheitlicher Kriterien bewertet und letztendlich zugelassen werden, um in den Binnenmarkt eingeführt bzw. dort verwendet werden zu dürfen. Diese Verpflichtungen betreffen neben den Produzenten auch die Importeure und Exporteure, die Chemikalien aus Drittstaaten der EU beziehen bzw. liefern.
 
Im Falle eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU ohne Folgevereinbarung würden sämtliche Produktlizensierungen im Chemikalienhandel zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich ihre Gültigkeit verlieren. Darüber hinaus würden Unternehmen in der EU, die bisher chemische Stoffe aus Großbritannien bezogen haben, die Rolle eines Importeurs einnehmen. Dementsprechend wären sie dann verantwortlich für deren Registrierung bei der ECHA.
 
Gleichermaßen gilt für Händler von chemischen Produkten mit Hauptsitz in Europa, die ihre Waren im UK vertreiben, dass sie die Einstufungs- und Kennzeichnungspflichten eines Exporteurs wahrnehmen müssten. Diese schließen unter anderem eine Registrierung im Rahmen der PIC-Verordnung der EU ein. Der dadurch entstehende bürokratische Aufwand und die Verwaltungskosten wären insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen erheblich.
 
Um einen abrupten Abbruch des Chemikalienhandels im Zuge eines ungeregelten Brexit am 1. November zu verhindern, hat die EU eine Übergangsfrist von 35 Tagen nach dem Austrittsdatum eingeräumt. Unternehmen, die ihre Warenausfuhren vor dem Austrittsdatum anmelden, sollen innerhalb der Frist weiterhin Produkte in das UK exportieren dürfen. Darüber hinaus hat die ECHA einen Leitfaden für Unternehmen, die mit in Großbritannien registrierten chemischen Stoffen arbeiten oder diese vertreiben, veröffentlicht. Der DIHK rät allen Unternehmen, die in Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich stehen, sich auch mithilfe der Brexit-Checkliste auf den Brexit vorzubereiten.