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07. März 2019
Israel

Die Start-Up-Nation

Israel, ein Land so klein wie Hessen und Weltrekordhalter bei Start-up-Unternehmungen.
Viele Länder wollen ein zweites Silicon Valley aufbauen. Israel ist dies gelungen. Das Land hat sich zur erfolgreichsten Start-Up-Nation nach den USA entwickelt – und diese, in mancher Hinsicht, gar überholt.

2018 zählte man 6.500 Start-Ups auf 8,9 Millionen Einwohner. Das bedeutet auf je 1.600 Einwohner kommt ein Gründer. Pro Kopf der Bevölkerung investierten Geldgeber hier nahezu mehr als doppelt so viel Venture Capital wie in den USA.
 
Gründerland
Israel hat seit seiner Gründung 1948 eine rasante Entwicklung vom agrarisch geprägten Staat mit sozialistischen Ansätzen zum marktwirtschaftlich diversifizierten Hightech- Industrieland vollzogen.

Israel, als sehr kleine und offene Wirtschaft, wird stark durch die Weltwirtschaft beeinflusst. Über die letzten Jahre hinweg hat sich die israelische Wirtschaft als relativ diversifiziert und robust gezeigt, was negative Effekte, wie zum Beispiel die Finanzkrise 2008/09, stark abgeschwächt hat.

Das Handelsvolumen lag 2017 bei rund 121 Milliarden Euro. Der Trend beim Warenexport ist eher rückläufig, dafür ist eine Zunahme bei Internetdienstleistungen zu beobachten. Der hohe Anteil an Hightech- Gütern am Export charakterisiert den Außenhandel Israels. Dazu zählen zum Beispiel Produkte von verschiedenen multinationalen Unternehmen. Das größte von diesen, mit etwa 10.000 Arbeitsplätzen in Israel, ist Intel.

Aber auch Produkte von Start-ups mit wenigen Mitarbeitern, die mit Verkäufen von neu entwickelten Produkten große Gewinne erzielen, zählen dazu. Bedeutend sind aber auch Hightech-Rüstungsprodukte.

Die exportorientierte Wirtschaft ist mit starken Partnern in Europa, USA und China global ausgerichtet und doch nicht unabhängig von den (sicherheits-)politischen Entwicklungen in der Region.
 
Sicherheitslage
Die Voraussetzungen dafür, dass sich ausgerechnet Israel zum „gelobten Land“ der Startup- Szene entwickeln konnte, sind eigentlich denkbar schlecht: Die Sicherheitslage ist prekär, und das Land hat gerade einmal soviel Einwohner wie Niedersachsen.

Doch Israel hat gelernt, die größten Nachteile für seine Wirtschaft, wie beispielsweise die fehlende Größe des Landes, in Vorteile zu verwandeln. Denn der beschränkte Heimatmarkt zwingt Gründer, von Anfang an den Weltmarkt anzupeilen und bei der Digitalisierung der Welt kräftig mitzumischen.

Gemessen an der Bevölkerung, hat Israel die höchste Dichte von leistungsfähigen neuen Digitalunternehmen und jedes Jahr kommen etwa 1.000 Start-up-Unternehmen neu hinzu.
 
Start-up Inkubator
Im Grunde genommen ist der Staat Israel quasi ja auch ein Start-up. Schon Staatsgründer David Ben-Gurion sagte, dass er die Wüste zum Blühen bringen wolle. Das ist zwar nicht überall gelungen, dennoch ist dieser Satz bezeichnend für das Land. „Inkubator“ – Brutkasten – nennt man in der Wirtschaft eine Umgebung, in der junge Unternehmen eine Zeit lang geschützt aufwachsen können.

In Israel wirken das gesamte Land und seine Lebensbedingungen wie eine Art Beschleuniger für Unternehmensgründer und neue Technologien. Die Spurensuche nach Israels wahrem Erfolgsrezept führt letztendlich zum israelischen Militär: eine Art Gründerzentrum.

In Israel müssen alle 18-jährigen Jugendlichen zunächst zum Militärdienst. Männer für drei und Frauen für zwei Jahre. Wegen der ständigen Bedrohungslage besteht die israelische Armee nicht nur aus Soldaten - die klügsten Köpfe des Landes arbeiten hier ständig an neuen Technologien, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und abzuwehren.

Aus Entwicklungen des Militärs wiederum entstehen Ideen für Startups, überwiegend im Hightech-Bereich, beispielsweise für Cyber-Security, autonomes Fahren, Biowissenschaften oder Projekte mit künstlicher Intelligenz.

Junge Rekruten arbeiten oft mit Technologien, die erst Jahre später kommerziell genutzt werden. Oft werden Start-ups von Unternehmern gegründet, die zusammen in der gleichen Einheit gedient haben: Man findet Freunde in der Armee, der gemeinsame Kampf schweißt zusammen, der Militärdienst macht aus Jugendlichen spätere Manager.

Das israelische Militär vermittelt weit mehr als technisches Know-how, die Rekruten sollen Verantwortung übernehmen und Einheiten leiten, sie sollen Hierarchien hinterfragen und Vorgesetzten widersprechen. Und wer mit 20 schon Kommandant war, tut sich ein paar Jahre später natürlich leichter, ein eigenes Unternehmen zu leiten.
 
Herausforderungen
Diese rasante Entwicklung zur Start-up-Nation stellt auch das Land vor große Herausforderungen. Die israelische Bevölkerung bildet mit einer kleinen Gruppe sehr gut ausgebildeter, global orientierter Menschen, mit religiösen Bevölkerungsteilen und Minderheiten, die zum Teil nur marginal am Wirtschaftsleben teilnehmen, eine heterogene Gesellschaft, die spezifische Herausforderungen auch an die Wirtschaftspolitik stellt.

Über 20 Prozent der Bevölkerung in Israel lebt unter der Armutsgrenze, das sind mehr als in jedem anderen OECD-Land. Auch die Wirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen durch eine niedrige Arbeitsproduktivität in der traditionellen Industrie, Fachkräftemangel, großer sozialer Ungleichheit sowie steigenden Immobilien und Nahrungsmittelpreisen.

Die Regierung hat diverse Initiativen gestartet, um das insgesamt hohe Preisniveau zu senken, unter anderem die Liberalisierung der Einfuhr von Nahrungsmitteln und die Ankurbelung neuer Wohnungsbauprojekte.

Damit Israel auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich bleibt, muss sich die Start-up-Nation in eine Scaleup- Nation verwandeln. Also in eine Nation, in der Gründer ihre Start-ups nicht gleich an internationale Unternehmen verkaufen und dann das nächste Start-up gründen, sondern größere Unternehmen entstehen lassen.

So könnten Arbeitsplätze geschaffen werden für jene, die bislang vom Gründertraum ausgeschlossen worden sind (dazu gehören vor allem ultraorthodoxe Bevölkerungsschichten, arabische Israelis und oft auch Frauen), das Know-how bliebe im Land und das Kapital würde sich auf (noch) mehr Schultern verteilen.

Große Unternehmen mit Hierarchien und Langfristplanungen passen allerdings nur bedingt zur israelischen Mentalität. Der ständige Ausnahmezustand prägt das Verhalten israelischer Start-up-Unternehmen. Auf Konventionen und Traditionen nehmen diese kaum Rücksicht. Viel lieber wird improvisiert und werden Hierarchien hinterfragt.

Israel hat sich zur erfolgreichsten Start-Up-Nation nach den USA entwickelt.

Kooperationen
Deutsche Unternehmen können von den Israelis lernen, schneller und innovativer zu werden und die israelischen Gründer von den Deutschen, wie man aus kleinen Unternehmen große macht. Viele internationale Konzerne haben sich schon mit Forschungs und Entwicklungszentren in Israel niedergelassen, darunter VW, Daimler, BMW, Audi, Merck, BASF, Bosch, Siemens oder Continental. Alles große deutsche Traditionsunternehmen.

Die Welt ist im Wandel und alle wollen diesen Wandel mitbestimmen. Wer nicht mitbestimmt, wird abgehängt. Um aufzuholen, sind sie in Israel präsent. Sie, bekannt für ihre Industrie „Made in Germany“, suchen nach neuen Technologien und Ideen, um auch dann noch erfolgreich zu sein, wenn die Zeit des Verbrennungsmotors vorbei ist. Sie wollen sich vom Gründergeist anstecken lassen.

Auch für die israelischen Start-ups ist die Einbindung ausländischer Geschäftspartner, für den Erfolg von größter Bedeutung. Das gilt keineswegs nur für die Bereitstellung von Investitionskapital. Vielmehr ist auch die Einbindung neuer Start-ups in die Vertriebskanäle ausländischer Unternehmen oder in deren Forschungs- und Entwicklungstätigkeit überlebenswichtig.