Nach 42 Jahren Mitgliedschaft werden die Briten als erstes Land die Europäische Union verlassen. Den modus operandi eines Austritts aus der EU regelt Artikel 50 des EU-Vertrags.

Fast schon traditionell, bedingt durch die Insellage, fühlen sich viele Menschen in Großbritannien nicht als Europäer und sind unzufrieden, da sie meinen, dass zu viel britisches Geld an die EU gehen würde. Arbeitsmigranten aus anderen EU-Ländern, wie zum Beispiel aus Rumänien oder Polen, verschärften diese antieuropäischen Ressentiments noch. Europa wird lediglich als ein System mit verpflichtenden Standards und Bevormundung wahrgenommen. Weitere wichtige Kritikpunkte waren auch die Folgen der Finanzkrise: Britische Politiker weigerten sich damals vehement, Geld für die Griechenland-Rettung bereitzustellen.
 
Der damalige Premierminister David Cameron versuchte Zugeständnisse seitens der EU für Großbritannien auszuhandeln. Als ihm dies nicht gelang und er deswegen in der eigenen Partei politisch unter Druck geriet, brachte er ein mögliches EU-Referendum als ultima ratio ins Spiel: Die Bürger des Vereinten Königreiches (VK) sollten darüber abstimmen können, ob ihr Land in der EU bleiben solle oder nicht.

Es wurde in Aussicht gestellt, dass ohne die EU weniger Migranten nach England kämen und mehr Geld im Land bleiben würde. Dazu müsste das Land aus der Zollunion austreten, um eigene Handelsabkommen mit Drittländern wie China und den USA zu schließen. Die Brexit-Befürworter versprachen sich davon bessere Abkommen als unter der EU-Flagge.

Brexit-Folgen
Was der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bewirken wird, ist in vielen Punkten auch heute noch unklar, denn es gibt sehr viele grundlegende Vereinbarungen der EU, die von Großbritannien mit unterschrieben wurden. Diese müssen nun völlig neu ausgehandelt werden. Der Brexit hat aber auch politische Implikationen für Nordirland und Schottland. In diesen beiden Regionen hat eine Mehrzahl gegen den Austritt aus der EU gestimmt.

Da die Nordiren und Schotten überwiegend Vorteile im Verbleib in der EU sehen, überlegen sie jetzt, eine Abstimmung über den Austritt aus dem VK unter ihren Bürgern durchzuführen. Großbritannien ist seit dem Referendum gespalten. Die Gräben verlaufen zwischen den verschiedenen Landesteilen, zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Alt und Jung. Da vor allem viele junge Bürger am Referendum nicht teilgenommen haben, wird nun argumentiert, dass dies das Ergebnis des Referendums insgesamt verfälscht hätte.

Viele Brexit-Gegner wollten, nachdem sich bei ihnen die Schockwelle des Ausgangs einigermaßen gelegt hatte, die Abstimmung gleich wiederholen. Denn im Nachhinein war vielen Bürgern auch klar geworden, dass zahlreiche Versprechungen der Brexit-Befürworter gar nicht eingehalten werden können, wie beispielsweise die Mär von den wachsenden Staatseinnahmen, da weniger an die EU abgeführt werden müsse, denn das Geld, das Großbritannien an die EU gezahlt hat, hat das Land größtenteils ja auch wieder zurück bekommen.

Dem EU-Binnenmarkt ist es auch zu verdanken, dass britische Firmen in jedem EU-Staat Produkte verkaufen und Filialen eröffnen können. Und das ohne größere bürokratische Hürden. Möglich machen dies eben die, von den Brexit-Gegnern verteufelten, gemeinsamen Standards und die länderübergreifende Überwachung durch EU-Einrichtungen, wie der EU-Kommission oder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs. Brexit-Befürworter, wie der damalige Premierminister David Cameron, Boris Johnson, Nigel Farage und Brexit-Minister David Davis sind mittlerweile zurückgetreten. So hat dann folgerichtig Premierministerin Theresa May, die ihr Amt übernommen hat, als sich die Bevölkerung für den Ausstieg aus der EU entschieden hatte, am 28. März 2017 die Austrittsverhandlungen formal eingeleitet. Diese müssen, nach EU-Recht, nach spätestens zwei Jahren abgeschlossen sein. Eines steht also fest: Großbritannien wird am 29. März 2019, um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, die EU verlassen.
 
Brexit: „weich“ oder „hart“?
In der Diskussion um die richtige Brexit-Strategie gibt es in Großbritannien zwei Lager: Die einen fordern einen klaren Bruch mit der Europäischen Union (sog. „harter Brexit“), die anderen wollen auch nach dem EU-Ausstieg der Briten möglichst eng an Brüssel angebunden bleiben (sog. „weicher Brexit“).
 
„Weicher Brexit“
Um zu verhindern, dass der Handel zwischen Großbritannien und der EU beeinträchtigt wird, fordern viele Unternehmen einen sog. „weichen Brexit“. Dies würde bedeuten, dass Großbritannien zwar die EU verlassen würde, aber Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum bliebe und weiterhin am europäischen Binnenmarkt für Waren teilnehmen könnte.

Die Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte, den freien Verkehr von Geldströmen und anderen Dienstleistungen, wie beispielsweise Kontoeröffnungen von Kunden aus anderen Ländern, will die britische Premierministerin Th eresa May aber beschränken. Dazu gehört eben auch die ungehinderte Einreise von EU-Bürgern zu stoppen und Finanzgeschäfte nach eigenem Ermessen zu begrenzen. Im Gegenzug würde Großbritannien EU-Vorschriften und -Standards beibehalten.
 
„Harter Brexit“
Ein „harter Brexit“ bedeutet einen kategorischen Austritt aus der Zollunion. Dann wären aber auch neue Zölle zwischen Großbritannien und der EU denkbar. Dies würde die Waren in beiden Regionen erheblich verteuern und negative Auswirkungen auf den Export von Waren aus den verbleibenden Mitgliedsstaaten nach Großbritannien haben und umgekehrt.

Zudem müssten Grenzbeamte die Lastwagen und Frachtschiff e mit den Produkten der jeweils anderen Seite wieder kontrollieren. Zölle könnte Großbritannien mit einem Freihandelsabkommen womöglich vermeiden, die Geschäfte mit Europa würden aber in jedem Fall mühsamer und langwieriger, und Großbritannien hätte auch keinen Einfluss mehr auf wirtschaftspolitische Entscheidungen der EU oder gemeinsame Standards. Hoffnung auf Einigung Premierministerin May steht also vor einer schwierigen Aufgabe: Sie muss die EU davon überzeugen, dass sich ihre Vorstellung vom Brexit für beide Seiten lohnen könnten, denn auch Brüssel muss einem der beiden Konzepte für den EU-Ausstieg zustimmen.

Doch die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und Großbritannien kommen kaum vom Fleck und es bleibt nicht mehr viel Zeit, um einen harten Brexit zu verhindern. Zunehmend wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Verhandlungen ohne Einigung enden, ein sogenanntes „No-Deal-Szenario“. Sollten die Verhandlungen tatsächlich zu keinem Abschluss kommen, würden auch die Hardliner unter den Brexit-Befürwortern, um kostspielige Anpassungen zu minimieren, gezwungen sein, viele EU-Vorschriften und Verfahren zu akzeptieren, um den Handel und die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Ein Beispiel hierfür ist das unilaterale Angebot an EU-Bürger, im Vereinigten Königreich bleiben zu dürfen, unabhängig von den Ergebnissen der Verhandlungen. Wäre dieses Angebot nicht zustande gekommen, hätte ein „No-Deal“ möglicherweise Millionen von EU-Bürgern nach dem 30. März 2019 zu illegalen Einwanderern gemacht, die ab dann Arbeits- oder Aufenthaltsgenehmigungen und Visa hätten beantragen müssen. Die Wirtschaft auf beiden Seiten des Kanals hofft auf eine Einigung. Gleichzeitig wird den Unternehmen in der EU und in Großbritannien jedoch empfohlen, sich auf alle möglichen Ausgänge der Verhandlungen vorzubereiten.