Das gab es noch nie: Millionen von Menschen wurden von jetzt auf gleich von ihren Arbeitgebern ins Homeoffice geschickt. Oder die Beschäftigten konnten gar nicht mehr zur Arbeit kommen, weil ihr Unternehmen in einem Grenzgebiet ansässig ist und sie auf der anderen Seite wohnen – plötzlich abgeschnitten. Die Umstellung verlangt allen Beteiligten viel ab. Die Mitarbeiter sind nicht nur als Angestellte ihrer Firmen gefordert, sondern oft auch als Aushilfslehrer für ihre Kinder. Die Unternehmer müssen sich gleichzeitig um technische Ausstattung, Datenschutz, Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeitern, Kontrolle der Arbeitszeit und Versicherungs-schutz kümmern. „Das sind Herausforderungen, die aber auch große Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bergen“, ist Kirsten Frohnert, Projektleiterin des Netzwerkbüros „Erfolgsfaktor Familie“, überzeugt.
 
Hilfe für Newcomer
Wer frühzeitig, wie etwa viele Softwareentwickler, Strukturen für mobiles Arbeiten geschaffen und erprobt hat, hat den Umzug ins Homeoffice oft reibungslos gemeistert. Schon vor der Krise hatten die Mitarbeiter zu Hause Notebooks ihres Arbeitgebers – und gesicherte Leitungen. Viele Unternehmer, die gleichzeitig mit flexiblen Arbeitszeitmodellen familienfreundliche Strukturen etabliert haben, profitieren jetzt zudem von einem großen Zusammenhalt ihrer Teams. Auf der anderen Seite tun sich viele Homeoffice-Newcomer schwer. Das fängt bei der Technik an: Schwache Datenleitungen, fehlende Rechner und mangelnde Arbeitsspeicher stellen die Unternehmer vor große Aufgaben. Diese Zielgruppe hat das Bundeswirtschaftsministerium im Blick. Das BMWi erstattet mit seinem Förderprogramm „godigital“ kleinen und mittleren Unternehmen bis zu 50 Prozent der Kosten für die Beratung durch ein vom Ministerium autorisiertes Unternehmen. Durch eine sehr kurzfristige Bewilligung der Mittel soll auch beim Einrichten der mobilen Arbeitsplätze geholfen werden.
 
Vorsicht vor Cyberattacken
Kopfzerbrechen bereitet die Hauruck-Umstellung vor allem auch Datenschützern. Denn viele Mitarbeiter arbeiten mit ihrer eigenen Hardware für das Büro – ohne Firewall, ohne Virenschutz. Gleichzeitig boomt E-Commerce, allen voran der Kauf von Baumaterial, Gartenbedarf, Spielwaren und Kosmetik. Für Cyberkriminelle sei das Coronavirus wie vorgezogene Weihnachten, warnen Experten. Schon vor der Krise hatten die Cyber-attacken stark zugenommen. Laut Bitkom, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, waren im Jahr 2019 rund 75 Prozent der befragten Unternehmen von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen, zwei Jahre früher waren es erst 53 Prozent.
 
Krise macht immense Potenziale sichtbar
Trotz aller Herausforderungen wollen sich viele Unternehmer nicht in ein künstliches Koma versetzen lassen und steuern kreativ gegen: Einzelhändler ohne Onlineshop haben telefonische Bestellhotlines geschaltet und liefern kostenlos. Der exklusive Einrichter berät via Videocall und verkauft so doch noch das ein oder andere Stück. Reiseveranstalter schicken ihre Kunden auf virtuelle Touren. Ein Optiker hat den deutschland-weit ersten Online-Sehtest entwickelt. Ein Computer-Shop holt den defekten Rechner zuhause ab und bringt ihn auch zurück. Fitnessstudios streamen Kurse live auf YouTube. Der Digitalisierung, da sind sich viele Unternehmer und Experten einig, werde die Krise einen enormen Schub bringen. Was bis vor kurzem unmöglich erschien, funktioniert jetzt schon ganz gut und immer besser.
 
„Dass mobiles Arbeiten und mobiles Lernen zu Standards werden könnten, schien bislang undenkbar. Jetzt aber werden wie unter einem Brennglas die immensen Potenziale sichtbar, die digitale Technologien grundsätzlich bieten – im Kampf gegen das Virus wie auch in der Reduzierung des Berufsverkehrs und verkehrsbedingter Emissionen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Bei einer Umfrage von Dmexco, der größten Kongressmesse für die digitale Industrie in Europa, geht das Gros der Befragten (85 Prozent) davon aus, dass das Homeoffice künftig deutlich stärker akzeptiert werde.
 
Herausforderungen gemeinsam meistern
Was vielen fehlt, ist die soziale Nähe. Das finden selbst die Mitarbeiter in jungen, sehr technikorientierten Start-up-Firmen, die mobiles Arbeiten als selbstverständlich empfinden. Gleichzeitig fällt vielen Chefs, die es gewohnt sind, ihre Belegschaft um sich zu haben, virtuelle Führung schwer. Umso wichtiger, dass man in Kontakt bleibt. Und sich gemeinsam den Herausforderungen stellt.