Fast vier Jahre nach der großen Flüchtlingswelle hat die Thematik „Geflüchtete“ etwas an Präsenz verloren. Medial scheint sie nicht mehr den Stellenwert einzunehmen, wie es noch vor einiger Zeit der Fall war. Doch der Alltag gestaltet sich für Geflüchtete und alle Beteiligten in Netzwerken und die vielen Helfer durchaus noch nicht routiniert oder gar „alltäglich“.
 
Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft
Ausbildung und Beschäftigung sind nach wie vor die wichtigsten Voraussetzungen für eine gelingende Integration. Sie führen individuell zu einem gesicherten Einkommen und gesellschaftlich zu Anerkennung und Wertschätzung.

Die gewachsene Zusammenarbeit der Akteure, Landratsämter, Agenturen für Arbeit, Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern, Schulen sowie Ehrenamtlichen und vielen weiteren Netzwerkpartnern ist auf einem guten Weg, Geflüchtete über Ausbildung und Arbeit in die Gesellschaft zu integrieren. Dazu koordinieren die Bündnis und Allianzpartner ihre Maßnahmen laufend und stimmen diese aufeinander ab.

Vermittlungserfolge der Kümmerer in der IHK Heilbronn-Franken Im Frühjahr 2016 konnte die IHK mit drei Ausbildungsvermittlern zum Schwerpunkt Flüchtlinge für die Region eine weitere Unterstützung in diesem Bereich schaffen. Unternehmen sowie Geflüchtete fanden „ihren“ Ansprechpartner und konnten bei ausbildungs- oder praktikumsspezifischen Fragen auf kompetente Vermittler zurückgreifen. Dieses Projekt läuft nun Ende März dieses Jahres aus.
 
Zu den Maßnahmen zählten unter anderem:
1. Unterstützung beim Ausbau und Koordination des Spracherwerbs
2. Ausweitung der Einstiegsqualifizierung (EQ) und weiterer Praxismöglichkeiten, um Geflüchtete für eine duale Ausbildung vorzubereiten
3. Die parallele Weiterentwicklung von Potenzialanalysen und Kompetenzfeststellungsverfahren,um den Kenntnisstand und die Eignung von Geflüchteten für eine passende Vermittlung einschätzen zu können
 
Weitere Punkte waren Beratungen zur Anerkennung von Berufen, Unterstützung bei der Sicherung des Aufenthaltes während und nach der Ausbildung sowie die Bereithaltung schneller Informationsmöglichkeiten für Betriebe und Fachkräfte.
 
Ergebnisse (2016-2018):
  • 295 Informationsveranstaltungen für Flüchtlinge und Unternehmen
  • 680 Beratungsgespräche mit Unternehmen in der Region
  • 1.150 Beratungsgespräche mit Geflüchteten in der Region
  • 58 Vermittlungen in EQ
  • 158 Vermittlungen von Geflüchteten durch Kümmerer in Ausbildung (bei insgesamt etwa 300 neuen Ausbildungsverhältnissen für Geflüchtete)
Hoher Sprach- und Qualifizierungsbedarf
Aus Sicht der Wirtschaft sind die Voraussetzungen für Geflüchtete für eine gelingende Arbeitsmarktintegration zwar individuell sehr verschieden, jedoch muss man generell von hohen Sprach- und Qualifizierungsbedarfen ausgehen.

Es hat sich herausgestellt, dass ein langer Atem notwendig ist, um diese Bedarfe zu decken und eine tatsächliche Integration in die Lebens- und Arbeitswelt zu schaffen, auch weil es in den Heimatländern der Geflüchteten meist kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt und dadurch Nachqualifizierungen notwendig werden. Zudem müssen die Geflüchteten häufig erst an die deutsche Arbeitsweise und -kultur herangeführt werden.
 
Großes Interesse
Viele der Geflüchteten sind jünger als 25 Jahre und sehr an einer Ausbildung interessiert. Oftmals bringen sie Vorkenntnisse aus Studium oder Berufen im Heimatland mit und sind bereit, längere Praktika zu absolvieren. Teilweise haben sie auch eine Teilanerkennung ihres Studiums oder ihres Berufsabschlusses durch die IHK FOSA (IHK Foreign Skills Approval) erhalten.

Die Abschlüsse in den Herkunftsländern sind jedoch in der Regel sehr theoriebezogen, sodass die praktischen Lernfelder für eine volle Anerkennung durch die Ausbildung im Betrieb nachgeholt werden müssen.
 
Flüchtlinge in der Ausbildung
Damit eine Ausbildung erfolgreich verlaufen kann, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen das Erreichen des erforderlichen Sprachniveaus. Während für ein mehrtägiges Praktikum zum Kennenlernen einer Tätigkeit bereits das Sprachniveau A2 (nach GER, Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen) ausreicht, sollte für ein mehrmonatiges Praktikum zur Berufsorientierung oder für eine Einstiegsqualifizierung (EQ-Praktikum) das B1-Niveau vorausgesetzt werden. B2-Niveau ist für das Bewältigen einer Ausbildung, dabei vor allem für die Aufgaben in der Berufsschule, notwendig.

Werden kaufmännische Berufe wie zum Beispiel Bankkaufmann/-frau angestrebt, verlangen die Unternehmen mittlerweile bereits C1- Sprachniveau, um der Beratungsfunktion in der Tätigkeit gerecht werden zu können.

Obwohl die Geflüchteten sehr motiviert sind, die deutsche Sprache schnellstmöglich zu erlernen und sich mit B2-Sprachniveau schon sehr gut verständigen können, sind die sprachlichen Hürden in der Ausbildung doch relativ hoch. Vor allem die ersten Monate in der Berufsschule gestalten sich eher schwierig und erfordern ein hohes Maß an Durchhaltevermögen.
 
Langer Atem gefragt
Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels bleibt es wichtig und sinnvoll, das Potenzial dieser Menschen zu nutzen und sie bestmöglich zu qualifizieren. Anhand der Erfahrungen ist davon auszugehen, dass im Regelfall zwei bis drei Jahre benötigt werden, bis die Ausbildungsreife der zu uns Geflüchteten erreicht ist. Dann erst kann eine Ausbildung begonnen werden.

Diese dauert im Regelfall drei Jahre. Somit umreißt der Zeitraum der Arbeitsmarktintegration fünf bis zehn Jahre, bis die Geflüchteten voll und ganz in unserem Arbeitsmarkt verwurzelt sind. Es gibt bereits viele Beispiele, bei denen die Integration in den Betrieben der Region Heilbronn-Franken erfolgreich gelungen ist und die Ausbildung einen Mehrwert für beide Seiten darstellt.

Sicherlich gibt es nicht das eine Erfolgsrezept - und dennoch gibt es Dinge, die die Integration vorwärtsbringen und einfacher machen. Es hat sich beispielsweise als sehr erfolgreich erwiesen, Flüchtlingen im Betrieb Ausbildungspaten zur Seite zu stellen. Dies erleichtert den Einstieg in die Ausbildung und fördert gleichzeitig den Zusammenhalt im Betrieb.

Des Weiteren hat es sich gezeigt, dass es sich sehr positiv auswirkt, wenn die Geflüchteten die Möglichkeit bekommen, den anderen Auszubildenden und Mitarbeitern ihre Geschichte zu erzählen und ihnen ihr Heimatland und ihre Kultur vorzustellen. Das fördert das Verständnis und die Unterstützung der Kollegen für diese jungen Menschen mit Fluchterfahrung.

Weitere Artikel zum Titelthema finden Sie in der jeweiligen Ausgabe im Archiv.