Titelthema

10. Januar 2019
Interview

Skeptische Masse für Neues gewinnen

w.news sprach mit Beat Balzli, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, über das Thema „Gesellschaftliche Verantwortung in Zeiten von Digitalisierung, Automation & KI“.
Wird die Künstliche Intelligenz unser Den­ken beeinflussen und wie wirkt sich das auf unser Leben und auf die Gesellschaft aus?  
Fabriken überwachen, Fahrzeugflotten steuern, Rechnungen begleichen, Konten im Blick behalten: Diese Aufgaben erledigen Al­gorithmen heute oft schon schneller, billiger und präziser als der Mensch. Man könnte also befürchten: Der Mensch macht sich überflüs­sig.

Ich glaube: Das Gegenteil ist der Fall. Wir werden auch künftig kluge Menschen brau­chen, die beurteilen und entscheiden, was mit den Ergebnissen der Algorithmen ge­schehen soll; die die Technik verstehen und strategisch einsetzen. Je wichtiger Künstliche Intelligenz in Unternehmen wird, desto be­deutender wird natürliche Intelligenz.  

Wie wird die Digitalisierung die Arbeitswelt der Zukunft aus Ihrer Sicht verändern?  
Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt be­reits erheblich verändert. Technische Inno­vationen kommen viel früher auf den Markt, ein Gerät, das heute noch angesagt ist, kann morgen schon „out“ sein. Gleichzeitig läuft Kommunikation heute zunehmend digital und virtuell ab, und das beschleunigt die Arbeitswelt zusätzlich. Derzeit sieht es nicht danach aus, als nehme diese Beschleunigung ab.

Gleichzei­tig muss man aber zur Kenntnis nehmen, dass nicht jeder Mensch diese Veränderungen be­grüßt. Umso wichtiger ist, dass Führungskräfte sich jene Mitarbeiter heraussuchen, die den Wandel in die Organisation tragen – um auch die skeptische Masse für Neues zu gewinnen.  

Was sollten Schüler heute in der Schu­le lernen, um gut auf das Leben nach der Schule vorbereitet zu sein?  Mit der digitalen Transformation wird es in Zukunft kaum einen Arbeitsplatz geben, der nicht von IT durchdrungen ist. Es gibt also gute Gründe, um Informatikunterricht in Schulen verpflichtend anzubieten. Gleichzeitig wer­den Schüler auf ökonomische Effizienz und Funktionalität getrimmt. Ein System, das für die Anforderungen einer globalisierten und digitalisierten Welt notwendig ist, aber nicht mehr hinreichend.

Kinder sollten zusätzliche Fähigkeiten entwickeln, vor allem die Lust auf Neues ist für die Zukunft essenziell. Deshalb müssen Schulen vermitteln, dass es wichtig ist, Dinge zu hinterfragen, sich in Gruppen zu organisieren und Wissen zu teilen. Welche Kompetenzen sind zukünftig für das Berufsleben entscheidend? In der Sesamstraße heißt es ja „Wer nicht fragt, bleibt dumm“.

Tatsächlich halte ich Neugier für eine der wichtigsten Eigenschaften überhaupt. Sie lohnt sich nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Inzwischen ist bekannt: Neugier macht kreativ, hilft beim Lernen und löst im Gehirn Glücksgefühle aus. In Zukunft wird es immer wichtiger, nicht nur Fragen zu stellen, sondern vor allem die entsprechenden Antworten zu finden – und das fällt neugierigen Menschen leichter. Solche Menschen werden auch nicht durch Roboter ersetzt.

Beat Balzli, Chefredakteur Wirtschaftswoche

Beat Balzli ist Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Der Schweizer Journalist war vorher stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe. Dort verantwortete er die „Welt am Sonntag“. Zuvor war der studierte Volks- und Betriebswirt drei Jahre Chefredakteur der Schweizer „Handelszeitung“. Zudem war er mehrere Jahre als Redakteur beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und dem Schweizer Nachrichtenmagazin „Facts“ tätig.

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