Erneuerbare Energien stehen größtenteils nur diskontinuierlich zur Verfügung (volatil). Die Stromnetze, ehemals Einbahnstraßen – vom Kraftwerk zum Verbraucher – sehen sich zunehmendem „Gegenverkehr“ ausgesetzt. Um das Netz nach wie vor stabil zu halten, achten die Netzbetreiber darauf, dass weder zu viel noch zu wenig Strom im Netz ist. Schon heute liegen die Kosten für solche Stabilisierungsmaßnahmen bei rund einer Milliarde Euro pro Jahr.
 
Optimale Steuerung von Angebot und Nachfrage
Da der Ausbau dezentraler Anlagen mit erneuerbarer Energieerzeugung weiter zunimmt, ist es wichtig, die Versorgung bei laufendem Umbau des Energieerzeugungssystems sicherzustellen und bezahlbar zu halten. Und dabei hilft, neben dem zwingend erforderlichen Aus- und Umbau der Netze, auch die Digitalisierung. Intelligente und vernetzte Messsysteme können die optimale Steuerung von Angebot und Nachfrage ermöglichen.
 
Ob privates Umfeld oder im Unternehmen - die ersten Schritte sind bereits getan: heute ist es möglich, über ein Strompreissignal zu steuern ob Wäsche gewaschen wird oder bestimmte innerbetriebliche Prozesse laufen oder eben nicht. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar und Begriffe wie Smart Home, also die Vernetzung von Haustechnik, Haushaltsgeräten und Komponenten der Unterhaltungselektronik und Elektromobilität, waren weitgehend unbekannt.
 
Kommunizieren und kooperieren
Ebenso ermöglicht der digitale und kontinuierlich erfasste Energieverbrauch einer Anlage zu jeder Zeit Rückschlüsse auf deren Zustand, eine wichtige Größe bei der vorbeugenden Instandhaltung. Und denkt man noch weiter, können über Fernwartungssysteme und neue Hilfsmittel wie Virtual oder Augmented Reality die Anlagen auch gleich zentral gewartet werden, ohne einen Servicetechniker vor Ort schicken zu müssen.
 
Die Digitalisierung der Energiewende ist damit auch nah an der Industrie 4.0 in Unternehmen, in der eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich wird, in der Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren. Die massenhafte Speicherung und Verarbeitung von Daten und die weltweite Vernetzung sind mittlerweile das Sinnbild einer ganz neuen Zeit – der digitalen Revolution oder auch der vierten industriellen Revolution.
 
Schöne neue, digitale und vernetzte Energiewelt – könnte man meinen
Doch viele Entwicklungen stecken noch immer in den Kinderschuhen. An der ei einen oder anderen Stelle stehen politische und gesetzliche Rahmenbedingungen dieser Vision noch entgegen. Ein Beispiel sind Speicher, die ihr Marktpotenzial aufgrund von Vorschriften und finanziellen Belastungen nicht voll entfalten können. So hängt es etwa vom gewählten Geschäftsmodell ab, welche Steuern und Umlagen bei der Ein- und Ausspeicherung des Stroms anfallen.

Die Digitalisierung der Energiewende ist nah an der Industrie 4.0 in Unternehmen.

Um das politische Ziel von 80-95 Prozent erneuerbare Energien am Stromverbrauch bis 2050 zu erreichen, gilt es zudem auch Folgendes zu bedenken: Es genügt nicht allein die Last zu decken, es geht auch um Systemdienstleistungen wie Spannungshaltung und Versorgungswiederaufbau, die heute noch vor allem von konventionellen Kraftwerken geleistet werden. Diese müssen zukünftig auch von erneuerbaren Energien, Speichern und Verbrauchern übernommen werden.
 
Unternehmen können sich beteiligen und profitieren
Wenn sie vernünftig umgesetzt wird, kann die Digitalisierung die Energiewende unterstützen und beschleunigen. Dazu wird zurzeit an allen Ecken und Enden der digitalen Energieversorgung geforscht und getüftelt. Und dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Unternehmen sich zu beteiligen und dabei auch zu profitieren. Vom Demand Side Management zum Beispiel können vor allem große Verbraucher profitieren und zur Netzstabilität beitragen, indem sie ihre Lasten flexibel vermarkten.
 
Ist zu viel Strom im Netz, schalten Unternehmen Lasten zu und unterstützen damit die Netzbetreiber. Voraussetzungen sind wirtschaftliche Anreize für die teilnehmenden Unternehmen sowie das Vorhandensein von flexiblen Prozessen. Ein Projekt der Deutschen Energieagentur (dena) hat die Möglichkeiten des Demand Side Management bei bayrischen und baden-württembergischen Unternehmen untersucht und lieferte wertvolle Hinweise für dessen Weiterentwicklung.
 
Nichtstun ist der falsche Weg
 Wo zuschaltbare Lasten helfen können das Netz zu stabilisieren, können auch abschaltbare Lasten oder die Verschiebung von Lastspitzen helfen. Voraussetzung dafür ist, dass die Daten zu den Verbräuchen der einzelnen Anlagen oder Unternehmensteile bekannt sind und flexibel, also auch von außen zum Beispiel durch den Netzbetreiber, gesteuert werden können. Eines der größten Hemmnisse – und das nicht nur bei der Energiewende – dürfte die Sicherheit der digitalen Systeme darstellen. Es besteht die Sorge, durch die Digitalisierung die Datenhoheit zu verlieren und sensible Unternehmensdaten preiszugeben.
 
Was digital und vernetzt wird, kann auch Hackerangriffen zum Opfer fallen. Immer wieder berichten die Medien von Hackerangriffen, die Teile der Stromversorgung lahmlegen oder Kraftwerke und Unternehmen zum Ziel haben. Daher gilt es, sich zu informieren aber auch anzufangen. Nichtstun ist der falsche Weg und eine Alternative zum Fortschritt gibt es nicht. Es existieren vielfältige Möglichkeiten. Der Markt und vor allem die technischen Entwicklungen schreiten rasant voran. Wer weiß, was nächstes Jahr, in fünf oder zehn Jahren alles möglich sein wird.

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